Lucys Rochen Geschichte
Heute nimmt uns unsere Tauchlehrerin Lucy mit in die Unterwasserwelt zu einer traumhaften Begegnung mit verschiedenen Rochen in nur einem Tauchgang:
„Es war wieder einer dieser perfekten Tauchtage, das Wetter traumhaft, ganz windstill und warm. Ich erinnere mich noch ganz deutlich. Ich hatte an diesem Tag ein Halbtagesboot mit nur zwei sehr erfahrenen Gästen, es war also nur ein entspannter Tauchgang geplant. Wie das Boot die Wasseroberfläche durchschnitt, konnte ich genau die ganzen Riffe unter Wasser erkennen. Ich wusste gar nicht, dass da noch so viel war, unterwegs nach Fanadir, aber die See war an dem Tag so ruhig, dass der Meeresboden klar zu sehen war.
Wir machten uns fertig und ließen uns gleich bei Fanadir Dacht ins Wasser schmeißen zu einem gemütlichen Pick Up Drift. Die Sicht war atemberaubend, wir konnten ins Unendliche sehen, vom Riff über den Sandboden bis ins tiefe Drop Off. Wir tauchten quer über die Sandfläche bis zur Kante und sahen schon von Weitem den ersten Federschwanz-Stechrochen an der Putzerstation kreisen. Ganz gemütlich zog er seine Runden und ließ sich von zwei kleinen Putzerfischchen bedienen.
Um die Putzerstation herum wuselten Glasfische und Fahnenbarsche – so viel Leben an so einem kleinen Stein. Der erste Rochen verschwand im Blauen, da sahen wir auch schon den nächsten im Sand liegen. Die Federschwanz-Stechrochen sind von der faulen Art, sie lassen sich ungern stören. Wenn sie so im Sand schlafen, lassen sie die Taucher ganz nah kommen, schielen dann verschlafen auf sie, leicht angespannt mit der Frage, ob die Situation Flucht erfordert oder es sicher ist, weiter zu ruhen.
Ich näherte mich dem Rochen ganz ganz langsam von vorne, legte mich in den Sand vor ihn und schaute ihm in die Augen. Er stellte die Ränder seines Körpers auf, bereit abzuheben. Eine Weile lag er so da, dann drehte er sich einmal im Sand um seine Achse und schwamm langsam los. Sein Körper wellte sich wie Pizzateig in den Händen eines Bäckers, während er den Sand von sich rieseln ließ bis eine Milchstraßen ähnliche Spur hinter ihm im Wasser blieb.
Dieser Augenblick, wenn die Rochen abheben und davon segeln, zieht sich für mich immer in slow motion, als würde die Zeit selbst zu Honig werden und ganz langsam um mich herum fließen, bis ich selbst, mein Atem und mein ganzes Ich mit dem Meer, dem Sand, dem Tier und dem ganzen Raum zu einer geleeartigen Masse verschwimmen.
Wir tauchten weiter und alle paar Meter fanden wir erneut Federschwanz-Stechrochen im Sand liegend oder wühlend, über dem Sand schwimmend, insgesamt neun Tiere auf unserem Weg entlang des Riffs. Auf einer Stelle lagen zwei Rochen sich gegenüber – ein Leoparden-Stechrochen mit dunklen Flecken auf seiner hellen Haut, mit diesem ewig langem dünnen eleganten Schwanz wie einer Peitsche.
Wie ein Torero schwingt er seine Peitsche im Blau, wenn er davonfliegt. Der Leoparden-Stechrochen ist anders als seine trägen Artgenossen. Er zischt fleissig durchs Wasser wie vom Blitz getroffen – eine schnelle Bewegung und weg ist er.
Der zweite Rochen war ein Rosa Rochen, wie ich später im Buch nachgelesen hatte, denn den habe ich noch nie gesehen. Als der „Leo“ weg war, kam ein weiterer Federschwanz-Stechrochen dazu, begrüßte den Rosa Rochen und flog auch davon. Wie wussten nicht mehr, wo wir hin sehen sollten, Highlights überall!
Wir tauchten aber weiter, das Riff rechts von uns, links ein üppiger Korallengarten. Ich hatte meine Augen aber nur auf und über dem Sandboden. Und tatsächlich! Es war noch nicht alles, das Meer bescherte uns noch ein atemberaubendes Erlebnis: acht kleine Adlerrochen flogen dahin in Begleitung von drei großen – ein Kindergartenausflug? So süß und schon so gekonnt, flatterten die Kleinen vor sich hin, die Großen kreisten um sie herum, kamen sogar recht nah zu uns und entfernten sich nur langsam, bis der aufgewirbelte Sand sie verschlang.
Mehr konnten wir nicht ertragen, unsere Seelen waren gesättigt, es war fast zu viel, unsere Herzen überschlugen sich – was für eine Euphorie…. Wir setzten zum Sicherheitsstop an, überwältigt, atemlos, sprachlos und glücklich, da kam noch ein großer Adlerrochen aus dem Blau, schwebte unter uns und verabschiedete uns freundlich. Das war’s. Der Kopf aus dem Wasser, die Sonne, die Luft, die ganze Welt hat uns wieder, ein Jubelschrei, winken, das Boot kommt und sammelt uns auf. Was für ein Tag!“





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